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Es kann uns nicht egal sein, was mit dem Museum passiert

Freundeskreis zur Bewahrung und Förderung der Wittener Kultureinrichtungen und des Bürgereigentums

Am 3.12.2010 lud die Volkshochschule Witten-Wetter-Herdecke zu einer Diskussionsveranstaltung ein:

Das Märkisches Museum:

Geschichte, Auftrag und Zukunft als Wittener Kultureinrichtung

Impulsreferate von Prof. Volker Lehnert, Kunstakademie Stuttgart,

Harald Kahl, Bildhauer und Dr. Detlef Thierig

Moderiert von Prof. Dr. Manfred H. Wolff, Kunstverein Witten

Seminarzentrum der vhs, Witten-Annen, Holzkampstraße 7

Logo Rettet unsere Stadtbücherei

Logo des Bürgerbegehrens »Rettet unsere Stadtbücherei«

Kern der Veranstaltung am Freitag den 03.12.2010 in der VHS Annen war die Veranschaulichung der ganz spezifischen Bedeutung des Märkischen Museums für Witten und für das Ruhrgebiet insgesamt. Nach der Begrüßung durch den VHS-Ressortleiter Peter Süßenbach, der die Veranstaltung in den Aufgabenbereich der politischen Bildung einordnete, stellte der Moderator Dr. Manfred H. Wolff die drei der offenen Diskussion vorangestellten Fachreferenten vor.

Dr. Detlef Thierig skizzierte die historische Entwicklung des Museums im Allgemeinen. So wie der Künstler im 19. Jahrhundert begann, freischaffend zu handeln, forderte das neue Bürgertum Zugang zu allen kulturellen Bereichen als Spiegel seines Sebstbewusstseins. Der Museumsleiter begann, als Kurator in Wechselausstellungen zwischen beiden zu vermitteln. Die Abbildung unserer bewegten Geschichte durch die moderne Kunst ermöglicht in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, Zukunftsperspektiven zu entwickeln. Die ständige Aktualisierung des kulturellen Bildungsauftrags konkretisiert sich hier im Sammeln, Dokumentieren, Präsentieren und Interpretieren von Kunstwerken als Zeugnisse des Zeitgeschehens. Die Schulung des kritischen Sehens wiederum, qualifiziert das Publikum zum Förderer und Kritiker der Kunst.

Der Wittener Bildhauer Harald Kahl führte in einer Bildpräsentation die solide Sammeltradition des Märkischen Museums vor Augen. Von der Anschaffung 1906/7 Worpsweder und Wiener Künstler, über die Expressionisten und die Neue Sachlichkeit vor dem Krieg – wobei der Referent an dieser Stelle die Entfernung von 35 Kunstwerken der Moderne durch die Nazis während des Dritten Reichs hervorhebt – bis hin zum Informel nach 1945 und dem neuen Realismus der 60er und 70er Jahre.

Prof. Lehnert von der Stuttgarter Kunstakademie, Wittener Bürger und Künstler, stellte als Vortragsbasis einen fiktiven neuen Museumsleiter für Witten vor die Aufgabe, die Vor- und Nachteile des Märkischen Museums herauszufinden.

Seine Ausführungen zeigen, dass das Märkische Museum, auch im Vergleich zu den umliegenden Museen, besondere Qualitäten aufweist. Dies gilt sowohl für die Sammlung, wie auch für die räumlichen Möglichkeiten. Der Neubau von 1988 ermöglicht eine dramaturgische Präsentation zu entfalten – im Unterschied zur Situation in manch anderem Museum im Ruhrgebiet. Es ist baulich einmalig, und zeichnet sich durch eine gute Lage zum Bahnhof und zu weiterführenden Schulen aus.

Die Sammlung müsse nach einer Phase des Mißmanagements neu erschlossen werden. Dadurch würde die Attraktivität des Status Quo wieder sichtbar, womit Sammler und Künstler zur Erweiterung der Sammlung, so wie Ausstellungspartner zur Kooperation motiviert würden.

In der Summe dieser Ausführungen wurden die hervorragenden Möglichkeiten des Hauses deutlich. Deutlich wurde allerdings auch, dass gerade zum jetzigen Direktionswechsel die Chance zu einer Erweckung dieses Potentials genutzt werden kann. Die architektonisch spezifisch auf das Zeigen von Kunst angelegten Räume im Neu- als auch im Altbau mit seiner hohen Kuppel, betrachtet die Stadt, die abwechselnd eine Verkleinerung oder einen Ausbau des Museums vorsieht, immer nur abhängig von der gerade aktuellen wirtschaftlichen Lage. Dabei ist das Museum als Alleinstellungsmerkmal für die nachhaltige Belebung des Strukturwandels in der Ruhrstadt Witten geradezu prädestiniert. Hinzu kommen die hervorragenden Möglichkeiten, bildungsferne Schichten mit der Malschule zu erreichen. Das alles funktioniert aber nur unter der Voraussetzung, das Museum als Ganzes zu erhalten. Von daher lehnt Prof. Lehnert das defensive Wohnzimmer-Konzept des Kulturforums entschieden ab.

Lehnert: „Es kann uns nicht egal sein, was mit dem Museum passiert.“

Das Designwort „Wissenzentrum“ entpuppt sich als Worthülse, die der Wittener Bevölkerung fälschlicherweise als durchdachtes Konzept vorgestellt wird. Es wird von allen Vortragenden als hilfloser Populismus unisono scharf abgelehnt. Die zunehmende Inhaltslosigkeit dieses Begriffs wird von Harald Kahl anhand der seit 2007 schwankenden Konzepte in einem knappen Statement pointiert vor Augen geführt: „Man mischt kein halbes Glas Weißwein mit einem halben Glas Rotwein, um dann einen schlechten Rosé zu trinken.“

In der sich anschließenden Diskussion wird auf beispielhafte Bemühungen in anderen Städten, auch unter schwierigen finanziellen Bedingungen durchdachte Konzepte für eine lebenswerte Stadt zu verwirklichen, hingewiesen. Es wird von der Stadtverwaltung Witten bessere Denkarbeit und eine bereitwillige Zusammenarbeit mit Fachleuten gefordert. Einmal am Beispiel der kontinuierlichen Ausarbeitung der Idee von 2006, eine Kulturmeile vom Haus Witten bis zum Kornmarkt zu entwickeln, oder hinsichtlich der Möglichkeit, für bestimmte Objekte auch mal an Sponsoren heranzutreten.

Ansonsten verständigte man sich darin, Herrn Steimann in seinem Versuch, das Profil des Museums zu stärken, unterstützen zu wollen, ihm aber im Zwitterkonzept bezüglich der Verlagerung der Stadtbücherei Witten ins Märkische Museum dauerhaft eindeutig entgegenzutreten. Der Verweis der Stadt auf geringe Besucherzahlen kann nicht als Argument zur Reduzierung, sondern muss als Aufforderung zur Optimierung der Museumsarbeit verstanden werden.

Als Interessengemeinschaft von Museum, Stadtbücherei und Bürgern wird dem „Niveau-Limbo“ durch die kommunale Politik auch nach der Abgabe des Bürgerbegehrens „Rettet unsere Stadtbücherei“ ungebrochen entgegengewirkt.

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