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Die Bürgerbeteiligung muss am Anfang stehen

Freundeskreis zur Bewahrung und Förderung der Wittener Kultureinrichtungen und des Bürgereigentums

Am 3.12.2010 lud die Volkshochschule Witten-Wetter-Herdecke zu einer Diskussionsveranstaltung ein:

Die Stadtbücherei Witten:

Geschichte, Auftrag und Zukunft als Wittener Kultureinrichtung

Unter Mitwirkung der sachverständigen Referenten,

Herr Klaus Peter Böttger, Bibliotheksdirektor der Stadtbibliothek Essen, Herr Merken, Bibliothekar in der Stadtbücherei Wipperfürth und Vorstandsmitglied beim Berufsverband Information Bibliothek (BIB) war durch die wetterbedingte Verkehrssituation verhindert.

Mit einem einführenden Beitrag des Wittener Lehrers Reinhold Spratte über die Stadtbücherei aus Sicht eines Lesers.

Moderiert von Dr. Ulrich Harbecke, Journalist Köln

Seminarzentrum der vhs, Witten-Annen, Holzkampstraße 7

Es ist hier nicht der Ort, die Wittener Presse für Ihre Berichterstattung zu schelten, hat sie sich doch im Laufe des Jahres meist bemüht, die Sache von Basta! irgendwie an die Öffentlichkeit zu bringen.

Steimann: Bin kein Bücherverbrenner

Stadtbücherei in die Zukunft führen

Irgendwie allein genügt aber nicht, deshalb sei hier vor dem Bericht über die Diskussionsveranstaltung der Volkshochschule ein wesentliches Zitat aus der Veranstaltung wiedergegeben:

Der anwesende und engagiert mitdiskutierende Kulturforumsleiter, Herr Steimann, äußerte sich im Laufe eines längeren, schon sechs Minuten währenden Redebeitrages über die Geimeindeprüfanstalt, über den Begriff Effektivität und die mögliche Ausstattung der Stadtbücherei. Zu den möglichen Datenbanken in Stadtbibliotheken sagte er dann:

„In diesem Bereich haben wir gar nichts anzubieten. Wir haben ein oder zwei, äh, Onlinearbeitsplätze und diese Onlinearbeitslätze, ich muß das in aller Deutlichkeit sagen, die ersetzen nicht Bücher, die ergänzen das. Das kommt hinzu und wenn wir über Aussondern reden, was Herr Lepiorz so echauffiert, ja ich bin bestimmt nicht der Mensch, der hier angetreten ist, um in Witten Bücherverbrennung einzuführen, auch wenn mir einige das unterstellen.“

Logo Rettet unsere Stadtbücherei

Logo des Bürgerbegehrens »Rettet unsere Stadtbücherei«

„Die Bürgerbeteiligung muss am Anfang stehen“ (Heiner Geißler)

Am 10.12.10 fand in den Seminarräumen der VHS Annen die Veranstaltung zur Information und Diskussion um die Gefährdung der Stadtbücherei Witten im Gebäude Ruhrstrasse 48 statt. Die VHS lud zur politischen Meinungsbildung, so begrüßte Peter Süßenbach das zahlreich erschienene Publikum. Herr Wolf-Dieter Lepiorz stellte die Referenten vor, es moderierte der als WDR-Redakteur bekannte Wittener Dr. Habecke, der sich seinerseits zum Buch als Mittel zur Kultur bekannte.

Der erste fachkundige Redner Klaus Peter Böttger, einst Praktikant in der Wittener Bücherei, mittlerweile Direktor der Stadtbücherei in Essen und Mitglied des Europäischen Büros für Bibliotheksfragen, eröffnete sein Referat mit der konkreten Schilderung seiner Erfahrungen zu Sparkonzepten. Als vormals Leiter der Mülheimer Bücherei, konnte er 2009 nach dem Abriss der Hauptstelle trotz Krisenzeiten einen Neubau realisieren. Ein Bürgerbegehren in dieser Stadt hatte immerhin den Erfolg, dass die verantwortliche Stadtverwaltung Fehlentscheidungen bezüglich der Schließung einer Zweigstelle öffentlich bekannte.

In Essen gab es im Jahr der Kulturhauptstadt keinen Medienetat. Das sei ein Indiz für die sinkende Wertschätzung von Bibliotheken, die mit gut 100 Jahren eine relativ junge gesellschaftliche Errungenschaft sind. Im Gegensatz zum Gros unserer Europäischen Nachbarn sichere das deutsche Gesetz nur die Deutsche Nationalbibliothek in Frankfurt und Leipzig. So seien kommunale Bibliotheken auf die Bereitwilligkeit ihrer Verwaltungen angewiesen, die personelle, räumliche und finanzielle Ausstattung zu leisten.

Er betonte die Notwendigkeit, bei der Umstrukturierung eines Bibliothekssystems die Soziografie der betreffenden Stadt ermitteln zu lassen. Ein Netzwerk mit anderen Bildungseinrichtungen zu knüpfen sei heutzutage unerlässlich. Die Bücherei als Ort des Lernens sei aber nur ein Aspekt ihrer Nutzung, weitere seien das Lesen und der Aufenthalt. Internetplätze mit elektronischen Datenbanken würden überschätzt; sie stehen mittlerweile ohnehin in fast jedem Haushalt zur Verfügung. Und nicht umsonst verbieten Lehrer Schülern die Recherche bei Wikipedia und Google für die Lösung ihrer Aufgaben. Medienkompetenz müsse zuerst vermittelt werden, außerdem fördere die Nutzung von Computern nur das flüchtige Lesen.

Der zweite Sprecher Reinhold Spratte, pensionierter Lehrer am Schiller-Gymnasium, jetzt künstlerisch als Maler tätig und Vertreter der Wittener Bürgerinitiative „Rettet unsere Stadtbücherei“, forderte eingangs dazu auf, den Blick vom panischen Ausverkauf zu einer neuen Vision für Witten insgesamt zu wenden. Bürgerliche Sachkenntnis könne opportunistische Konzepte mittlerweile entlarven, und die Mitte der Gesellschaft betrachtet taktische Politik längst mit Skepsis. Hier zitiert er Heiner Geißler zur Stuttgart21-Debatte, “Bürgerbeteiligung muss zur Beschleunigung einer Diskussion an ihrem Anfang stehen“. Ein Bürgerbegehren kann nur noch gesellschaftlichen Druck ausüben. In Witten bereits mit Teilerfolgen, einer zeigte sich im 8-Fragen-Papier Leidemanns als Versuch öffentlicher Aufklärung zum Thema. Leider ist es mit Worthülsen gespickt.

In Bezug auf die Qualität der Bücherei beschrieb der Redner zunächst das Herunterwirtschaften öffentlicher Gebäude in Witten anhand der Pissoirs in den öffentlichen Toiletten in der Bücherei, die im genau so schlechten Zustand wie die im Rathaus oder in der Villa Lohmann sind. Den Umständen entsprechend sei die Qualität der in unserer Bibliothekszentrale vorhandenen Bücher beachtlich, was anhand eines mitgebrachten Stapels Leihbücher gezeigt wird. Hier gelingt Herrn Spratte die humoristische Kritik zu schlecht durchdachter Kommunalpolitik mit Hilfe von Buchtiteln wie „Die Herrschaft der Dummheit“, so wie er verdeutlicht welche Schätze hier gepflegt wurden, als Beispiel der Vorläufer eines Klassikers der Soziologie über kindliches Denken. Man dürfe diesen Bestand nicht auf triviale Literatur zurückfahren, was geschehen kann wenn man ´Ladenhüter´ aussortiert um ´zeitgemäße´ Literatur anzubieten. Der Beitrag endete mit zwei Zitaten als politische Forderungen, „Die Wahrheit ist konkret“ von Karl Marx und Heideggers „Holzwege“ die man nur beschreiten dürfe, wenn man Mut zur Umkehr und zu Alternativen zeigt.

Der erste Publikumsbeitrag betonte, eine öffentliche Bibliothek zeichne sich dadurch aus, dass Lektüre an offen zugänglichen Regalen entdeckt werden kann. 16% der Kinder können nicht richtig lesen, und die verbesserte Statistik zur Lesekompetenz bei Jugendlichen gründet auf der Verbesserung bei bildungsnahen Jugendlichen, bei bildungsfernen ginge sie aber weiter zurück. Der Ausbau von Internetnutzung sei an dieser Stelle falsch. Fachfremde Projektpartner wären keine solide Basis für Anforderungen durch unsere Bevölkerungsstruktur. Der Fachreferent empfiehlt, durchgängig der sozialen Entwicklung Wittens angepasste Kooperationskonzepte, so könnte man bis zu 65% der schwierigen Zielgruppen erreichen.

Auf die Frage nach dem wirtschaftlichen Druck, der das Kulturforum praktisch handlungsunfähig macht, erinnert Herr Böttger, woran gespart werde: an der Übernahme von Auszubildenden, an Beförderung, an Medien. Es entstehe unter den kommunalen Kultureinrichtungen ein Kampf um Mittel, der solidarisches Arbeiten erschwere. Aus dem Publikum fordert man die Konfrontation der Landespolitik durch die Kommune mit der fehlgeleiteten Wirtschaftspolitik. Witten hat ein hohes wirtschaftliches Einkommen, dass seit Jahrzehnten nicht mehr bei der Bevölkerung ankommt.

Ein Sprecher des Bürgerbegehrens konfrontiert die anwesenden Herrn Steimann (Kulturforum) und Frau von Grote (Bibliotheksleiterin) mit der Frage, warum das neue Bibliothekssystem in Hattingen verhältnismäßig mehr Bücher vorsieht als Witten. Es werden aktuelle Bestandszahlen geklärt, der erstrebte Bestand für das Wissenszentrum bleibt aber mit etwa 80.000 Medien der gleiche. Seitens der Bibliothekarin wird darauf hingewiesen, die Empfehlung über den Standard 2 Medien pro Einwohner sei von 1973. Die Fachbücher seien auf dem Stand der 70er Jahre und man müsse künftig auf Qualität statt Quantität setzen.

Eine unabhängige Fachkraft aus dem Publikum betont, von veraltet könne man nur bezüglich bestimmter Fachbücher reden, solche Schlagworte würden von Herrn Steimann aber inhaltslos für die Stadtbücherei Witten insgesamt im Lokalfernsehen verbreitet. Außerdem sei ein Umzug und die Ausstattung mit Personal ersetzende Technik finanziell sicher nicht günstiger, als die Modernisierung des bisherigen Standortes. Die räumlichen Gegebenheiten der Ruhrstrasse 48 mit dem ungenutzten dritten Stockwerk werden von einem weiteren Sprecher der Bürgerinitiative ins Gedächtnis gerufen, ein regelrechtes Kulturzentrum sei hier realisierbar. Auch der Vorschlag der FDP, eine neue Bücherei auf dem Kornmarkt zu errichten, wird in die Runde geworfen und auch von Herrn Steimann nicht grundsätzlich verworfen.

Herr Steimann betont, er sei kein Bücherverbrenner, mit dem zuvor vorgestellten Buch von Bense aus den 50er Jahren in der Hand heißt es, dieses würde garantiert nicht aussortiert. Die Polemik wird von einem weiteren unabhängigen Diplombibliothekar aufgegriffen, eine Auslagerung von Teilbeständen ins Depot sei genauso effektiv wie eine Bücherverbrennung, die Katalogsysteme für Öffentliche Bibliotheken sehen aus laienfreundlichen Gründen keine detaillierte Recherche vor, so mache man Bücher systematisch unauffindbar.

Auch die Behauptung, die Pläne Wissenszentrum seien ein Jahr jung, wurde geklärt. Sie bestehen seit 2006//7 in anderen Dimensionen, aber da schon als örtliche Anbindung der Bücherei an das städtische Archiv und das Märkische Museum. Die Realisierung des neuen geschrumpften Konzepts zur Einbindung der Stadtbücherei ins Museumsgebäude sei bedauerlicherweise die einzige kulturelle Linie, die unsere Kulturdezernentin, die auch Bürgermeisterin unserer Stadt ist, kontinuierlich verfolgt.

Im Ganzen forderte man Informationen von Witten, dann könne man mit einer Bürgerwerkstatt auch Knowhow anbieten. Diskussionsbereitschaft seitens der Stadt vermisse man, bei Abwesenheit der Verwaltungsspitze zu den Veranstaltungen der VHS zum Thema. Auch der Erfinder des Wissenszentrums, Herr Wood, verließ den Saal noch während der Referate. Der Moderator schloss mit dem Fazit, dass die Zeiten, in denen Wissen Macht bedeutete, vorbei seien. Man könne als Regierung nicht mehr mit Totschlagargumenten agieren. Dagegen bietet sich heutzutage die je von der Moderne angestrebte Situation an, dass die Bürgerschaft als Kompetenzpool bestehen kann.

Es bleibt, darum zu kämpfen, dass die Uhrzeiger unserer Zivilisation nicht zurückgebogen werden.



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