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Ein Tag im Saalbau

von Roland Geisheimer (Text und Fotos)

Sicherheitsdienst dursucht Taschen nach gefährlichen Flugschriften, Foto: Geisheimer

Immer nur aus der mehr oder minder weiten Welt als Fotograf zu berichten führt oftmals dazu, dass man den Blick für das Kleine, für das lokale Geschehen verliert. Das geht natürlich gar nicht, und so habe ich mich dazu entschlossen mal wieder das Politische in Witten fotografisch zu begleiten. Die Verwaltungsratssitzung des Kulturforums hat die GegnerInnen der hiesigen Kulturpolitik auf den Plan gerufen und auch mich.

Draussen vor dem Saalbau hat sich eine überschaubare Zahl – ich zähle gut 80 – engagierter BürgerInnen der Ruhrstadt versammelt. Aus den unterschiedlichsten Gruppierungen und Strömungen setzt sich diese Schar zusammen. GewerkschafterInnen, LehrerInnen, KünstlerInnen, aber auch unzählige BürgerInnen wie Du und ich trifft man an. Alle sind sich einig: Die Stadtbücherei darf nicht verkauft werden. Der Standort Ruhrstraße muss erhalten bleiben.

Schnell entdecke ich auf dem Balkon des Saalbaus mehrere Herren und eine Dame in dunkler Kleidung. Aus der Ferne betrachtet wirken sie wie MitarbeiterInnen des Saalbaus, aber wenig später wird mir klar, dass SaalbaumitarbeiterInnen eigentlich keine Kabel im Ohr stecken haben und auch wesentlich besser gekleidet sind.

Da der ehemals geheim tagende Verwaltungsrat erstmals öffentlich über die Kulturpolitik unserer Stadt entscheidet, ist es klar, dass die DemonstrantInnen sich dies nicht entgehen lassen wollen. Sie begehren Einlass in den Sitzungssaal.

Ich vernehme entsetzte Stimmen von an der Saalbaupforte durchsucht werdenden BürgerInnen. Es gehe hier ja wie in der DDR oder in Weißrussland zu. Hm denke ich mir, hinkt der Vergleich nicht ein wenig? Ich frage mich aber auch, was das denn da an der Tür alles so solle.

Ja, klar ich kenne Durchsuchungen an Eingängen! Habe sie selbst unzählige Male über mich ergehen lassen. G8-Gipfel in Evian oder Heiligendamm, Natogipfel in Strassbourg, den gemeinsamen Besuch mit Frau Merkel im Kernkraftwerk Emsland, um nur einige willkürliche Beispiele zu nennen. Aber nimmt sich der Verwaltungsrat des Kulturforums da nicht ein wenig zu wichtig, oder drohen böse Angriffe auf die Kulturentscheider durch Bin Laden und Co????? Egal ich schaue mir das Schauspiel an.

Bevor ich den Saalbau betreten kann, will so ein Herr mit Kabel im Ohr und schlecht sitzendem Anzug von der Stange dann meinen Presseausweis sehen. Warum man jetzt einen Presseausweis benötigt um den Saalbau zu betreten, kann er mir zwar nicht sagen, aber da ich einfach keine Lust habe, mit Männern in schlecht sitzenden Anzügen zu diskutieren, zeige ich ihm das ersehnte Plastikkärtchen und gehe hinein.

Und tatsächlich, zusammen mit einer Kollegin der örtlichen Tageszeitung beobachte und fotografiere ich die Szenerie. Taschen werden akribisch durchsucht. Nicht der islamistische Terrorismus scheint die Sicherheit des Verwaltungsrates zu gefährden, sondern Flugblätter und andere Druckerzeugnisse suchen die Herren mit dem Kabel im Ohr und den schlecht sitzenden Anzügen. Auch einen Gitarrentasche, in der dann tatsächlich eine Gitarre gefunden wird, stellt wohl eine erhebliche Gefahr dar.

Wieder vernehme ich Unmutsäußerungen, dass das doch an DDR-Verhältnisse erinnern würde. Naja, denke ich mir, so schlimm sind diese komischen Typen mit Kabel im Ohr und dem schlecht sitzendem Anzug von der Stange doch gar nicht.

Naja, denkste Roland, kaum gedacht, kommt so ein Oberflegel auf mich und meine Kollegin zu und will uns das Fotografieren der Kontrollmaßnahmen untersagen. Er wolle nicht, dass ich seinen Kollegen fotografiere und verbiete uns das.  Nun, wie hat meine Mama mir schon in jungen Jahren immer beigebracht: „Roland merke dir eins, wie man in den Wald hineinruft, so schalt es heraus!“ Diese Worte im Kopf signalisiere ich dem Herren mit Kabel im Ohr und schlecht sitzenden Anzug, dass er sich doch trollen solle und mir gar nichts zu verbieten habe. Und ich gebe zu, die Etikette wahre ich in dieser Situation nicht ganz.

Die Kollegin schiebt noch total entsetzt über das Zensurverhalten des Sicherheitsmannes hinterher, dass das (gemeint ist der Saalbau) unsere gute Stube sei und da dürfen wir soviel wie wir wollen fotografieren. Auch bei einer Saalbaumitarbeiterin erntet dieser Auftritt des Herren in dem schlecht sitzenden Anzug nur Kopfschütteln.

Nun ok, er ist nicht begeistert, dass wir seine nicht vorhandene Autorität durch Missachtung strafen. Den Artikel 5 des Grundgesetzes im Kopf arbeiten wir weiter.

So ein wenig an die VoPo,  also die Volkspolizei der DDR, erinnerte mich dann seine Reaktion schon. Verbal kann der der Ty ( Sie wissen schon: der mit dem Kabel im Ohr und dem schlecht sitzenden Anzug von der Stange) nicht mehr kontern, also greift er zu dem Mittel, dass Sicherheitsfachkräfte scheinbar mit in die Wiege gelegt bekommen. Gehen ihnen die rechtlichen Argumente aus, so greifen sie zu albernen, flegelhaften Verhaltensmustern. So versuchen sie gerne die Linsen der Kamera zu zu halten. Also auch dieser Herr. Nur ist es schwer möglich, mit nur einer freien Hand zwei die Sicherheit des Saalbaus gefährdende Linsen zu verdecken. Das merkt auch er. Also trollt sich der VoPo – ähm entschuldigung, ich meine natürlich der Sicherheitsmann – und nuschelt noch was in den nicht vorhandenen Bart. Naja, doch nicht DDR denke ich mir. Die haben da nicht so schnell klein beigegeben.

Einige Zeit später. Ich sitze im Sitzungssaal und lausche den Worten der Bürgermeisterin. Wie soll es anders sein, sie preist den Kürzungs- und Ausverkaufswahn als fortschrittliches Verwaltungskonzept. Wie denn der Umzug von der Ruhrstraße in das ausgelastete Märkische Museum rein physikalisch funktionieren soll verschweigt sie an diesem Tage. Ich denke mir, dass es ganz schön blöde sein wird, demnächst aus weniger als einem Meter die Bilder des Museums betrachten zu müssen. Denn wenn da, wo jetzt der Raum für Kunst ist, demnächst die Bilder und Skulpturen sich den Platz mit Bücherregalen teilen müssen, wird das echt eng.  Zu eng, aber Schluss, ich konzentriere mich wieder auf das politische Geschehen im Sitzungssaal.

Es kommt zur Abstimmung und plötzlich überkommt mich dann doch ein DDR-nostalgisches Gefühl. Nein, keine Angst, auch wenn eine Vertreterin der angeblich ewig gestrigen Linkspartei im Verwaltungsrat sitzt, man setzt nicht zum kollektivem singen des Liedes „Die Partei hat immer recht“ an. Nein, ganz im Gegenteil! Die Linke wie das Bürgerforum, beide verhalten sich ganz normal wie man es so kennt. Sie stimmen für ihren Antrag, der den Verkauf und die Pläne der Verwaltung ablehnt. DDR-nostalgisch wird es erst, als in alter Blockparteimanier die übrigen Fraktionen geschlossen eine Änderung der Verwaltungsvorlage durchdrücken. Wenig später stimmt der Block für den durch ihn geänderten Antrag.

So richtig verarscht fühlte ich mich jetzt nach dieser Änderung. Denn die Antragsänderung verlangt, den Verkauf an den Höchstbietenden erst einmal zu stoppen. Sollte ein Käufer gefunden sein, so soll neu entschieden werden ob verkauft wird. Das übrige Konzept soll aber schon jetzt umgesetzt werden. Für wie blöde hält die Politik einen eigentlich. Jeder weiß, dass der Verkauf der zentrale Bestandteil der so genannten Umstrukturierung des Bibliothekenwesens in Witten ist. Das was die Blockmitglieder beschlossen haben, kann nur umgesetzt werden, wenn die Bücherei in der Ruhrstraße verkauft wird. Jetzt zu behaupten, dass man den Verkauf noch mal prüfen wolle, ist einfach nur verlogen.

PS.:
Wie viel mögen denn die Dame und die Herren mit dem Kabel im Ohr gekostet haben? Dies fragt sich mittlerweile auch die SPD, die das Vorgehen scheinbar auch für ein wenig überzogen hält. Anders als die Grünen, die scheinbar Gefallen an repressiven Strukturen gefunden haben. In der HfA-Sitzung am Montag gaben sie das jedenfalls durch die Zustimmung des Security-Einsatzes zu verstehen.

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