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Bücherei-Konzept ohne Grundlage

Nach einer Begehung der Stadtbücherei an der Ruhrstraße und Gesprächen mit Vertretern des Kulturforums kommt  „basta! witten“ zu dem Schluss:  Die Kulturforumsleitung stochert mit ihren Planungen im Nebel. Grundlegende Voraussetzungen für eine kompetente Entscheidungsfindung sind nicht erfüllt. Während der Verwaltungsrat am 17. September dem Kulturforum bereits eine Generalvollmacht zur Abwicklung der Bibliotheken an der Ruhrstraße, in Stockum, Herbede und Heven geben soll, hat das Kulturforum nicht einmal eine Machbarkeitsstudie zu Alternativen vorgelegt. Und auch die Kosten der Umstrukturierung sind völlig unklar. “Basta!”: wer auf dieser dünnen Grundlage Entscheidungen zur Zukunft der Bibliotheken trifft, handelt veranwortungslos.

Die Initiative „basta! witten“ ist gestern der Einladung des Kulturforums-Leiters Dirk Steimann zur Besichtigung der Gebäudes der Stadtbibliothek an der Ruhrstraße gefolgt.

Es besteht kein Zweifel, dass aufgrund der seit Jahren unterlassenen Instandhaltungen an dem Gebäude ein erheblicher Instandsetzungs- und Erneuerungsbedarf besteht. Weil das Gebäude – ohne dass es dafür eine politisch beschlossene Grundlage gibt – intern seit mindestens 2006 aufgegeben werden soll, wurden nur noch allernotwendigste Sicherungsmaßnahmen vorgenommen.

Sicherlich komplett erneuerungsbedürftig ist ein wesentlicher Teil der Flachdächer. Die ursprüngliche Verankerung der Sandsteinplatten der denkmalgeschützten Fassadenteile sind erodiert. Lockere Platten wurden provisorisch an gedübelt. Hier müsste mittelfristig eine systematischere Sanierung erfolgen.

Ansonsten ist die Gebäudesubstanz, abgesehen von optischen Schäden, weitgehend in Ordnung.

Allerdings besteht auch in der Gebäudetechnik ein erheblicher Erneuerungsbedarf. So sollten die nicht denkmalgeschützten Außenmauern selbstverständlich zeitgemäß gedämmt werden. Auch Lüftung und Heizung müssten wesentlich energiesparender und komfortabler werden. Das teilweise denkmalgeschützte Innere wird so gut wie überhaupt nicht zur Geltung gebracht. Die Einrichtung der für Büros genutzten Bereiche erscheint völlig zusammengestückelt und improvisiert.

Das Gebäudemanagement des Kulturforums hat zu einigen erforderlichen Instandhaltungsmaßnahmen rein überschlägige Kostenschätzungen aufgrund von Erfahrungen vorgenommen, die nicht in schriftlicher Form vorliegen. Die groben Kostenschätzungen zur Dachsanierung und zur Fassadendämmung erscheinen nicht überzogen. Es wurden aber keinerlei Wirtschaftlichkeitsberechnungen für Investitionen in energiesparende Maßnahmen vorgenommen.

Zu spezifischeren Maßnahmen, wie der mittelfristig erforderlich erscheinenden Sanierung der denkmalgeschützten Fassadenteile, wurden die Kosten nur geraten. Die Schätzungen dafür belaufen sich auf ca. 150.000 Euro bis auf das 2 oder gar 2,5fache.  Angebliche Feuchtigkeitsschäden wurden nicht untersucht. Das Kulturforum besitzt nicht einmal ein Messgerät zur Feuchtigkeitsmessung.

Das Kulturforum verfügt über keinerlei Konzeption für die Sanierung und Modernisierung des Gebäudes der Stadtbücherei. Eine solche Konzeption müsste neben Instandsetzungen, wirtschaftlichen energetischen Verbesserungen und einer denkmalgerechteren Ausgestaltung der Nutzungen selbstverständlich auch Überlegungen zur zeitgemäßen Ausgestaltung des Raumangebotes und der Betriebsabläufe umfassen. Selbstverständlich muss eine zeitgemäße Bibliothek z.B. über Gruppenräume und Online-Arbeitsplätze verfügen. Dafür bietet das Gebäude bei allen Schwierigkeiten einer denkmalgerechten Ausgestaltung und der Herstellung von Barrierefreiheit sicherlich erhebliche Potentiale. Weitgehend im Originalzustand erhaltene Räumlichkeiten, Baudetails und Ausstattungsstücke aus der Zeit der Sparkassen-Nutzung könnten ebenso in ein neues Konzept für Publikumsnutzungen integriert werden wie zum Beispiel die Dachterrasse.

Entscheidend ist, dass zu all dem keinerlei Überlegungen beim Kulturforum vorliegen. Es gibt damit keinerlei Grundlage für eine ernst zu nehmende Kostenschätzung. Bei einem mittelfristig auf jeden Fall erforderlichen Umbau in eine zeitgemäße Bibliothek würden die Planungs- und Baukosten aber mit Sicherheit deutlich über den kommunizierten 500.000 Euro liegen. Dies ist allerdings für ein Gebäude dieser Größe und Qualität, in dieser privilegierten Lage und mit dieser bedeutenden öffentlichen Nutzung überhaupt nicht überraschend.

Bei der Einschätzung der Wirtschaftlichkeit einer derartigen Maßnahme spielen neben konzeptionellen Überlegungen zum Bibliothekssystem in Witten auch Einschätzungen der mit Investitionen erzielbaren Einsparungen, z.B. bei den Energiekosten, oder zu vermeidbaren Kosten eines Umzugs und erst recht eines Umbaus an anderer Stelle (Museum) eine entscheidende Rolle. Auch für derartige Einschätzungen fehlt es an jeglicher Grundlage.

Dies gilt nicht nur für das nach dem Konzept des Kulturforums aufzugebende Gebäude an der Ruhrstraße, sondern auch für den angeblichen Plan einer neuen zentralen Stadtbücherei im Märkischen Museum.

Für den im Rahmen dieses Konzepts erforderlichen umfangreichen Umbau des Anbaus des Märkischen Museums gibt es ebenfalls keinerlei verfügbare Machbarkeitsstudie und Planung und keinerlei Kostenschätzung.

Soweit wir in Erfahrung bringen konnten, soll der Erweiterungstrakt des Museums komplett in eine Bibliothek umgebaut werden, wodurch natürlich die Räumlichkeiten für Ausstellungen entfallen.

Die Depots für den Sammlungsbestand des Museums sind von Anfang an zu klein ausgelegt. Hinzu kommt eine zweckfremde Nutzung dieser spezifischen Räume für die Lagerung anderer Gegenstände. Das Kulturforum ist offenbar intensiv damit beschäftigt, die Lagernutzungen hier und an anderer Stelle umzuorganisieren.

Es ist aber auf jeden Fall mit kostenträchtigen Umbaumaßnahmen im derzeitigen Museum und wahrscheinlich auch mit Erweiterungsbauten zu rechnen, soll eine – auch eine verkleinerte – Bibliothek hier untergebracht werden.

Es ist äußerst fraglich, ob eine solche Investitionen gegenüber einer Sanierung und Modernisierung des Gebäudes an der Ruhrstraße nicht erheblich höhere Kosten verursachen würde, wobei auch die Folgekosten für die Einlagerung, Logistik usw. bedacht werden müssen.  Ein Verkauf des derzeitigen Büchereigebäudes in seinem jetzigen Zustand würde höchstwahrscheinlich nicht den Erlös erbringen, diese Kosten zu decken, zumal die Nutzbarkeit dieses Gebäudes für andere Zwecke stark eingeschränkt ist.

Damit ist aber zu befürchten, dass im Märkischen Museum eine neues Provisorium ohne jede konzeptionelle Grundlage geschaffen wird und wesentliche Leistungen eingeschränkt werden. Ebenso ist zu befürchten, dass das Gebäude an der Ruhrstraße leer steht.

Zur Rechtfertigung der Tatsache, dass das Kulturforum das Gebäude an der Ruhrstraße seit Jahren aufgegeben hat und die Schließung der Stadteilbibliotheken in Stockum, Herbede und Heven beabsichtigt, beruft sich das Kulturforum auf eine angeblich seit ca. 2006 bestehende Entscheidung, das Museum, das Stadtarchiv und die Bibliotheken in einem sogenannten „Wissenszentrum“ an der Husemannstraße räumlich zu integrieren.

Zu diesem Konzept gibt es, so weit wir ermitteln konnten, keinen Ratsbeschluss. Was es gab, waren Vorentwürfe eines Architekturbüros für umfangreiche Neubaumaßnahmen, die bei einer Veranstaltung 2006 vorgestellt wurden. Die Kostenschätzung für die Maßnahme beliefen sich damals auf 6 Millionen Euro. Schon damals war aber klar, dass der Entwurf etliche Anforderungen noch nicht berücksichtigt hatte, so dass mit einem wesentlich höheren Aufwand allein für die Baukosten gerechnet werden muss.

Diese Maßnahme ist nicht finanzierbar. Obwohl dies seit Jahren klar ist und obwohl es keinerlei Beschlussfassung über ein „Wissenszentrum“ gibt, agiert das Kulturforum seit Jahren im Sinne dieser Idee, Die fatale Konsequenz ist die Unterlassung notwendiger Maßnahmen im Gebäudebestand und die Unterlassung der Entwicklung von Alternativen.

Die Beratung der Überlegungen zur zukünftigen Ausgestaltung des Bibliothekswesens in Witten erfolgte bislang ausschließlich unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dazu zählte auch die Auseinandersetzungen mit der widerlegbaren Ansicht der Gemeindeprüfanstalt GPA, Witten verfüge über zu hohe Bibliothekskapazitäten. Und dazu zählte die Beratung über die Idee eines eingekauften externen Gutachters, die einzelnen Bibliotheksstandorte auf sogenannte „soziale Milieus“ auszurichten. Auch diese stark kritisierbare Idee ist gescheitert.

Wir haben den Eindruck gewonnen, dass das Kulturforum weitgehend konzeptionslos und auf jeden Fall ohne ausreichende Enscheidungsgrundlage herumlaviert. Die wichtige Frage der Zukunft der Bibliotheken wird subjektiven Vorlieben und fixen Ideen der obersten Stadtspitze, der augenblicklichen Finanzlage und dem Genossen Verfall überlassen.

Der Verwaltungsvorlage zur Umstrukturierung der Bibliotheken, die am 17. September bereits beschlossen werden soll, liegt keine ausgearbeitete Konzeption zu Grunde. Es gibt keine Analyse der zu erwartenden Kosten und Folgekosten. Es  wurden keine Alternativen entwickelt und geprüft.  Trotzdem enthält die Vorlage eine Art Generalermächtigung des Kulturforums zur Abwicklung der Bibliotheksstandorte Ruhrstraße, Stockum, Herbede und Heven. Eine Zustimmung zu der Verwaltungsvorlage zur Umstrukturierung der Bibliotheken wäre unter diesen Umständen unabhängig von Vorlieben und Ideen verantwortungslos.

Die Öffentlichkeit wurde erst kürzlich hergestellt. Der Verwaltungsrat des Kulturforums sollte die Vorlage ablehnen und in einen breiten öffentlichen Beratungsprozess zur Zukunft der Bibliotheken und der anderen Einrichtungen des Kulturforums eintreten.

Neben der Idee eines konzentrierten „Wissenszentrum“ gibt es viele weitere Optionen, die geprüft werden könnten. Höchstwahrscheinlich ist eine Weiterentwicklung vorhandener Standorte nicht nur bedarfsgerechter, sondern auch wesentlich kostengünstiger und deshalb auch realistischer.

Knut Unger

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