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Freie Theatermacherin kritisiert Richtlinien zur Kulturförderung

Seit kurzem hat das Wittener “Kulturforum – Anstalt öffentlichen Rechts” neue Richtlinien zur Kulturförderung” erlassen. Die Wittener freie Thetermacherin Beate Albrect hat sich – unterstützt von weiteren freien Kulturschaffenden -  in einem offenen Brief an den Verwaltungsrat des Kulturforums und die Bürgermeisterin als dessen Vorsitzende kritisch mit diesen Richtlinien auseinander gesetzt. Die freie Kultur werden in Witten viel zu wenig gefördert. Und der Ausschluss von Projekten “mit erkennbar politischen oder religiösen Tendenzen” sei nicht akzptabel. Basta! dokumentiert das Schreiben.

In den neuen Richtlinien zur Kulturförderung” heißt es unter “3. Förderkriterien“:

3.1. Vorraussetzung für die Förderungswürdigkeit:
Der Antragsteller muss einen wahrnehmbaren und nachhaltigen Beitrag zum Wittener Kultur-leben leisten oder einen Bezug zur Stadt Witten haben und grundsätzlich förderwürdig sein. Das Projekt muss öffentlich sein und in Witten stattfinden. Es ist geeignet, aufgrund seiner Bedeutung und Qualität, lokal, regional oder überregional zu wirken. Die gute inhaltliche oder künstlerische Qualität des Konzeptes ist nachweisbar und wird vom Vergabegremium anerkannt.
Besonders förderungswürdig sind Projekte, die spartenübergreifend angelegt sind, oder der kulturellen Bildung dienen, oder die Bildung kultureller Netzwerke vorantreiben oder auf Nachhaltigkeit setzen.
Es wird stets nur ein anteiliger Projektkostenzuschuss gewährt (beispielsweise für Technik, Transport, Drucksachen). Es werden in der Regel keine Reisekosten-, Materialkosten-, Produktionskosten-, Personalkosten- und Mietkostenzuschüsse vergeben.

3.2. Besonders förderungswürdig sind:
Kulturprojekte, die in Witten stattfinden und regionale oder überregionale Ausstrahlung ent-wickeln, Projekte, die von mehreren freien Kulturträgern oder in Kooperation von freien und institutionellen Trägern (auch außerhalb der Stadt Witten ansässigen) gemeinsam durch-geführt werden, sowie Projekte, die bereits über eine Grundfinanzierung durch die Akqui-sition von weiteren Förder- und Drittmitteln verfügen. Darüber hinaus können solche Projekte wiederholt gefördert werden, die nachweislich eine überdurchschnittliche Breitenwirkung und Nachhaltigkeit erzielen.
Über Ausnahmen von diesen Kriterien (Punkte 3.1. und 3.2.) entscheidet im Einzelfall das Vergabegremium.

3.3. Grundsätzlich nicht förderungswürdig sind:
Vorhaben, die ausschließlich Einzelpersonen, den Mitgliedern eines Vereins, einer Gruppe oder einer Initiative zugute kommen sowie Projekte mit rein kommerziellem Charakter oder mit erkennbar politischen oder religiösen Tendenzen.

Vor allem auf diesen Abschnitt bezieht sich die Theatermacherin Beate Albrecht wenn sie  der Bürgeremisterin und dem Verwaltungsrat des Kulturforums schreibt:

Die neuen Richtlinien zur Kulturförderung in Witten sind da. Juhuu, endlich!

Nach Lektüre der Richtlinien, gings mir aber schlecht, ehrlich, sehr schlecht, fragte ich mich doch, ob Witten überhaupt was für freie Kunst übrig hat. Und der Frage bin ich nachgegangen.

Oh Gott, sagen Sie nun, schon wieder so eine, die nur meckern kann, und das nach dem Urlaub, 4 Seiten, nee muss das sein und wollen dafür keine Zeit aufbringen.

Müssen Sie nicht, gehen Sie direkt zu Seite 3, da gibt es produktive Vorschläge und Empfehlungen.

Aber da das nach dieser Ankündigung kaum einer machen wird, begrüße ich Sie bei folgenden Erfahrungen, Erlebnissen und Erkenntnissen.

Also, der Frage, ob die Wittener Politik / das Kulturforum was für freie Kunst übrig hat, der bin ich nachgegangen. `Übrig haben … ´ damit meine ich, unterstützt sie eine auch unbequeme, lebendige, querdenkende und damit Impuls setzende freie Szene oder will sie lieber U-Kunst, nette Unterhaltung beim netten Bierchen. Wenn es das letztere ist, brauchen Sie auch nicht weiter zu lesen. Sparen Sie sich die Zeit, gehen auch Sie direkt zu Seite 3 oder noch besser ein Bierchen trinken.

Wenn es aber das Erstere ist, was Sie für Ihre Stadt interessiert, dann geht es im nächsten Absatz für Sie weiter.

Also … wieviel die Stadt für die freie Kunst übrig hat, der Frage bin ich ganz konkret nachgegangen. Wieviel denn im `Pott´ sei, wollte ich vom Kulturbüro wissen. Da konnte oder wollte mir keiner eine Antwort geben. Sicher nicht aus dem Grund, dass zu viel drin ist, denn in den letzten Jahren war überhaupt nichts zu vergeben. Mehr noch, man hat die Leute Anträge schreiben lassen, in dem guten Glauben, dass was zu holen sei, gab es doch Ausschreibungen, sogar telefonische Aufforderungen von Ratsmitgliedern. Pustekuchen, nichts hatte sie übrig. Die KollegInnen, die etwas beantragt haben, warten bis heute auf Zu – oder Ablehnungsbescheide. Wieviel kostbare Zeit da drauf gegangen ist, schade drum.
Komisch ist nur, dass im Haushaltsbericht 27.500 Euro erwähnt sind, die an 8 Projekte vergeben wurden, natürlich nicht öffentlich.

Und wie schaut es dieses Jahr aus? Ich nehme an, wir dürfen zwischen gar nichts oder zu wenig wählen.

Ja, das stimmt doch gar nicht, sagen Sie nun, wir gaben und geben doch viel für die Kulturgemeinde, die Volksbühne und das Wittener Kinder – und Jugendtheater aus.

Ja, erwidere ich, das ist auch gut so, aber das sind doch die, die jedes Jahr geregelt ihre Förderung kriegen, also die, die unter den neu geschaffenen Begriff der Regelförderung fallen. Die meine ich doch nicht, sondern die vielen anderen, Sie wissen schon: Die freien KünstlerInnen, die kleinen Initiativen etc., nennen wir Sie doch die Freie Szene, Menschen, die hier vor Ort leben und Kunst schaffen, die für ihre Einzelprojekte immer wieder neu beantragen müssen.

Einzelförderung nennt sich das, ich lese mich ein. Au weia: Ich werde gefördert wenn ich, ich zitiere sinngemäß`…. bilde, vernetze, spartenübergreifend arbeite, hohe Qualität statt Quantität bringe, professionalisiere, lokal, regional, und überregional arbeiten und in Witten die Premiere habe.´ Das Ganze bitte auch noch nachhaltig. Also viel spielen? Ja. Aber kein Kommerz. Also nicht davon leben, oder? Und wenn ich vielleicht 2011 noch mal was will, dann bitte Breitenwirkung und noch mehr Nachhaltigkeit. Und vor allem keine `… Projekte mit religiösen und politischen Tendenzen.´ Aha, keine Inszenierungen von Brecht, Moliere, Schiller, LaBute, Büchner, Berg, Shakespeare, Lessing, Hauptmann, keine Hochzeit des Figaro, getanzt, gesungen oder nachgespielt, keine Raps zur sozialen Schieflage in unserem Land, keine Lesungen mit Ayaan Hirsli Ali, dem Dalai Lama, dem guten Benedikt, der Margot Käßmann? Keine Stücke gegen rechte Gewalt, bin ich froh, dass ich das 2007 produziert habe, oder sonstigen politischen Inhalten, klar!

Wenn ich mein Projekt, oder das was davon übrig geblieben ist, bis dahin formuliert habe und mir noch in die Augen schauen kann, und nun zum Kosten – und Finanzierungsplan komme, dann darf ich `… in der Regel keine Reisekosten-, Materialkosten-, Produktionskosten-, Personalkosten- und Mietkostenzuschüsse … ´ beantragen. Was denn dann? Druckkosten. Aha. Was, wenn ich die gar nicht brauche? Wie zum Beispiel bei den Ruhrpiratinnen, dem Local Hero Projekt der freien Theatermacherinnen, da waren wir ganz ohne Hochglanzbroschüren sofort ausverkauft, was nicht nur die Umwelt sondern natürlich auch die mitwirkenden Theaterfrauen gefreut hat, die das Geld u.a. für ihre Arbeit, Regie, Schreibworkshop und Dramaturgie eingesetzt haben um sich weiter zu professionalisieren

Nein, die Richtlinien sagen, nur die Druckkosten und Transport. Den brauche ich kaum, also Druckkosten. Naja, sagen diejenigen die die Richtlinien einstimmig verabschiedet haben nun, so eng darf man das Ganze nicht sehen, dafür gibt es ja dann die Ausnahmen von der Regel.

Aha, ich nun wieder, wer und wie bekommt man die denn? Eins habe ich herausgefunden – Die Ausnahmen von der Regel bekommen die, und das ist jetzt kein Kalauer, die Regelförderung bekommen. Auf Nachfrage im Kulturbüro, dürfen die Kulturgemeinde, die Volksbühne und das Wittener Kinder – und Jugendtheater alle möglichen Kosten beantragen und kommerziell arbeiten. Ob sie auch Stücke mit politischen und religiösen Tendenzen produzieren und einkaufen dürfen, müsste ich glatt noch mal eruieren.

Aber wer bekommt die Ausnahme von der Regel sonst noch? Und wie?

Diejenigen, die einen guten Draht ins Kulturbüro oder ins Rathaus haben? Mit dem Draht hab ich´s probiert, ganz offiziell, hat aber nicht funktioniert, hab ich doch nicht mal auf meine Mails und Anrufe bei Herrn Steimann einen persönlichen Austausch erwirken können. Schade, hätt´ ihn gern mal persönlich gesprochen, mit ihm geplaudert über die freie TheaterSzene und so.

Ach ja … und beinahe hätte ich auch noch das Datum zum Einreichen der Förderanträge verpasst. Soweit ich weiß, kennt das kaum einer. Den Abgabetermin – 31.8.2010 – habe ich auf Nachfrage am 6.8.2010 eher zufällig erfahren, da sagte man mir, es gäbe keine Richtlinien. Am 11.8.2010 gab es die dann doch, aber noch nicht veröffentlicht …

Aber … ich habe es ja bis dahin geschafft, den Abgabetermin und Richtlinien erfragt, gut dass ich nicht in Urlaub gefahren bin, ein super Projekt entwickelt, die Druckkosten beantragt und …  ab jetzt schaue ich in die Zukunft …. irgendeine Ausnahmen von der Regel erwirkt, dann geht es in die Jury, holla, wer sitzt denn da? … und bekomme, wenn überhaupt, 1000, 800, 400 Euro oder weniger.

Ja, sagen Sie nun, die soll doch ein wenig bescheidener sein. Ja, sage ich dann, das bin ich eh. Sie können ja gerne mal einen Tag bei `theaterspiel´ dabei sein, da werden Sie sehen, dass wir aus wenig ganz viel machen, u.a. Kunst und davon auch leben …  Kreativwirtschaft, nennt man das neuerdings, scheußliches Wort. – Ah ja, ich habe Kreativwirtschaft und Witten bei Google eingegeben, da kam ein Kongress, mehr war nicht. Wundert es Sie?

Also komme ich zu dem Schluss, dass die Stadt Witten nicht viel für die Freien übrig hat.

Und jetzt kommen sie, auch für diejenigen, die es gleich konkret haben wollen, also den Absatz übersprungen haben und diejenigen, die nach dem Bierchen doch noch mal zurück gekommen sind, hier sind sie nun, meine ganz persönlichen produktiven Vorschläge und Empfehlungen, Ideen und Überlegungen für eine lebendige, vielfältige, freie und unbequeme Kulturszene

1. Geben Sie die Kunst wieder frei !

Streichen Sie den Passus mit den `…. politischen und religiösen Tendenzen´.

Ersetzen Sie ihn mit einem, der auch zukünftig keine Zensur zulässt und keine Peinlichkeit hinterlässt

Vorschlag

1. Der Grundsatz der künstlerischen Freiheit ist zu wahren

1.2. Von der Förderung ausgeschlossen sind

− Maßnahmen mit parteipolitischem Hintergrund oder mit gewerblichem Charakter

− Maßnahmen, die geeignet sein könnten, militaristische, neonazistische, totalitäre, rassistische, nationalistische oder Bevölkerungsteile diskriminierende Tendenzen zu bestärken bzw. entsprechende Inhalte zu verbreiten

- Organisationen und Personen, die in der Vergangenheit entsprechende Inhalte verbreitet haben.

Lassen Sie die Auseinandersetzung um die Bedeutung und den Rang religiöser und politischer Werte zu. Ein weiser Freund schrieb mir dazu: `Demokratie ist der Ausgleich der innergesellschaftlichen Konflikte durch geregelte zivilisierte Verfahren und nicht das Totschweigen der Konflikte.´ Besser kann ich es auch nicht sagen.

2. Gewähren Sie Chancengleichheit! Sichern Sie Transparenz!

Egal ob Regel , – Einzel, oder – Patenförderungen: Alle sollen die gleichen Chancen auf Förderung nach den gleichen Regeln haben. Und die Ausnahmen, die man sicherlich machen muss, werden transparent also öffentlich zugänglich sein.

Die Ausschreibung der Fördermittel erfolgt in einem angemessenem Zeitraum zum Abgabetermin, zum Beispiel 3 Monate vorher, die Fördersumme wird öffentlich bekannt gemacht. Die Jury setzt sich aus Vertretern verschiedener Institutionen zusammen.

3. Haben Sie was für die freie Kunst übrig!

Seien Sie ein Kulturausschuss, kein Kulturausschluss. Geben Sie mindestens 1,0 % des gesamten Kulturetats d.h. ein Prozent des Kulturhaushaltes der Stadt Witten in einen Fonds, aus welchem diejenigen, die keine Regelförderung der Stadt Witten erhalten, gefördert werden.

Die etablierte und bewährte Kultur soll damit weiterhin mit 99% der Mittel ihren gewachsenen und wertvollen Beitrag zur Wittener Kulturlandschaft leisten, die Freien haben mit nur 1 % endlich die Möglichkeit ihr Potential zu zeigen, auch größere Projekte anzugehen. Übrigens, das wären ca. 62 Cent pro Einwohner pro Jahr.

Und … fördern Sie die KünstlerInnen vor Ort und nicht die Online -Druckereien jwd.

4. Lernen Sie uns kennen !

Gehen Sie mit uns in Dialog, besuchen Sie unsere Wirkungsstätten und unsere Präsentationen, auch wenn diese nicht in Kooperation mit einer städtischen Institutionen erstellt wurden. Stellen Sie im Kulturausschuss noch zwei Stühle dazu, die Freien senden Ihnen gerne sachkundige KünstlerInnen.

So genug jetzt, jetzt muss ich meine Brötchen verdienen und dann noch den Projektantrag zu Ende schreiben, den werde ich ganz unzensiert und frei vorlegen. Da freu ich mich drauf und auf eine Antwort bzw. Reaktion von Ihrer Seite.

Es gibt also neben der Frage der Bibliotheken noch andere Gründe für Basta! Witten, sich ausgiebig mit der  intransparenten Kulturanstalt zu beschäftigen.

2 Kommentare zu Freie Theatermacherin kritisiert Richtlinien zur Kulturförderung

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