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Bürger brauchen Bibliotheken

Einige Gedanken zum Öffentlichen Bibliothekssystem in Witten

von Miriam Schwalbe

Wenn wir uns mit der Geschichte Wittens beschäftigen, so wird deutlich, dass die junge Stadt, die erst mit der einsetzenden Industrialisierung zur Stadt wurde, deutlich von der sich entwickelnden Sozialdemokratie mitgeprägt wurde. In der Sozialdemokratie wurden Werte hochgehalten, die schon das sich emanzipierende Bürgertum erfolgreich vertreten hatte und die durch Bildung zur gesellschaftlichen Teilhaben führen sollten.

Diese Vorbemerkung ist vielleicht notwendig, um deutlich zu machen, worum es bei der Frage des Fortbestands des Öffentlichen Bibliothekssystems in Witten heute geht. Es geht eben nicht nur darum ob eine Bibliothek Geld kostet oder wie viel sie kosten darf, die Frage berührt das Selbstverständnis der Stadt und das Bild des Bürgers in der demokratischen Gesellschaft.

Warum überhaupt Bibliotheken?
Bibliotheken sind eine wesentliche zentrale kulturelle Einrichtung in einer freiheitlichen Gesellschaft. Mit ihrer Funktion für Kultur, Bildung und Information sind sie unverzichtbar und erreichen einen hohen Anteil der Bevölkerung quer durch alle Schichten und Altersgruppen. Und hier liegt gerade die Aufgabe der Öffentlichen Bibliotheken, also der Stadtbibliotheken, nicht der Universitätsbibliotheken. Die Stadtbibliotheken sollen allen Bürgern möglichst flächendeckend einen strukturierten und vernetzten Zugang zu Information, Literatur, Bildung und Kultur bieten. Von jeder öffentlichen Bibliothek in Deutschland aus, kann sich ein Bürger jedes Buch ausleihen, auch wenn es nicht vor Ort, sondern nur in einer anderen entfernten Bibliothek vorhanden ist.
Mitarbeiter der Stadt Witten scheinen hier durch Unkenntnis glänzen zu wollen, wenn sie, wie in einem Artikel der WAZ vom 20.7.2010
http://www.derwesten.de/staedte/witten/Nicht-alles-unter-einem-Dach-id3394353.html
damit für ihre konzeptionslosen Pläne zu werben versuchen, dass man in Zukunft den Schwerpunkt auf Online Vernetzung legen wolle (etwa mit der Uni). Es wird uns ein Rätsel bleiben, was das bringen soll, denn eine Stadtbibliothek ist keine Universitätsbibliothek und hat entsprechend andere Aufgaben.
Damit wir eine gemeinsame Idee davon bekommen, was eine Bibliothek vor Ort, das heißt flächendeckend in jedem Stadtteil leisten sollte, hier ein Zitat aus einem Positionspapier der deutschen Bibliotheken (Bibliotheken 93), das grundlegende Notwendigkeiten und Ziele aufzeigt. Die Stadtbibliothek Witten hat als Bibliothek in einer kleinen Großstadt darüber hinausgehend noch weitere Aufgaben.

“Bibliotheken für den Grundbedarf müssen insgesamt so ausgestattet werden, daß sie die folgenden Leistungen kontinuierlich zu erbringen imstande sind:
• aktuelles Angebot von mindestens 2 Medieneinheiten (Bücher und andere Medien) je Einwohner im Einzugsgebiet (Grundzielbestand);
• Ergänzung des Bestandes entsprechend der Nutzungsintensität. Darüber hinaus soll inhaltlich veraltete Literatur ersetzt werden;
• ein Angebot an aktuellen Zeitschriften und Zeitungen;
• die abgestimmte mediale Vielfalt der Bestände; ca. 20 % des Bestandes sollen audiovisuelle und elektronische Medien umfassen;
• gleichmäßige, ausreichende und publikumsorientierte Öffnungszeiten von mindestens 35 Wochenstunden einschließlich Samstag;
• Nutzung aller am Ort relevanten und zugänglichen Verbundleistungen, wie Teilnahme am Leihverkehr der Bibliotheken, an Transport-, Daten- und Kommunikationsnetzen aller Art;
• einen grundlegenden Informations- und Auskunftsdienst mit Nachschlagewerken und wichtigen Bibliographien, die mindestens 5 % des aktuellen Buchbestandes ausmachen;
• einen aktuellen Informations- und Auskunftsdienst mit Broschüren, Verbraucherinformationen u.a.;
• Informationsmöglichkeiten über die Angebote der Kommune und in der Kommune;
• den Zugriff auf Datenbanken und Speichermedien;
• Benutzungshilfen für Behinderte (z.B. Lesegeräte);
• Bibliotheksdienste, die Medien solchen Benutzern, die ans Haus gebunden sind, oder anderen besonderen Benutzergruppen liefern.”

Nun ist es leider so, dass sich die ‘Kulturnation’ Deutschland ein Leben ohne eine gesetzliche Sicherstellung ihrer Bibliotheken leistet. Die Öffentlichen Bibliotheken sind freiwillige Aufgaben der Städte, ihr Bestand hängt von der Einsicht und Klugheit der verantwortlichen Politiker ab.
Es gibt jedoch gute Gründe, keine Mühen und Ausgaben zu scheuen, das Wittener Bibliothekssystem zu erhalten und auszubauen. Wichtigste Voraussetzung ist der Erhalt der Hauptstelle der Stadtbücherei in der Ruhrstraße 48 in städtischer Hand und eine klare Absage an die Pläne, das denkmalgeschützte Haus zu verkaufen und die Bücher der Stadtbücherei im Märkischen Museum unterzubringen.
Ausgehend vom Artikel 5 des Grundgesetzes “(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten.” leisten die Öffentlichen Bibliotheken einen wesentlichen Beitrag dazu, die Freiheit der Information für Jedermann überhaupt möglich zu machen und einen gesellschaftlichen Konsens über die demokratischen und kulturellen Werte zu erreichen.

Bürger brauchen Bibliotheken!

Dabei agieren die Bibliotheken natürlich nicht im luftleeren Raum. Sie müssen sinnvollerweise auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren.
Faktoren, die heute das Bild unserer Gesellschaft bestimmen sind:

  • eine hohe Arbeitslosigkeit,
  • Armut ist wieder zu einem gesellschaftlichen Problem geworden, das nicht mehr verschwiegen werden kann und sich u. a.
  • in der Kinderarmut und der sozial prekäre Lage vieler junger Familien zeigt,
  • ein wachsender Anteil älterer Menschen in der Gesellschaft,
  • die Unzulänglichkeiten des deutschen Bildungssystems,
  • ein Anteil an ausländischen Mitbürgern mit speziellen Informations- und Bildungsinteressen …

Jeder einzelne Punkt spricht für einen Ausbau und eine Intensivierung der Bibliotheksarbeit, da Information und Bildung den Rang von Menschen- und Bürgerrechten haben, kein Almosen sind und Voraussetzung sind, um Probleme lösen zu können und ein Leben in Freiheit zu gestalten.

Warum man an Bibliotheken nicht sparen kann

Kultur macht Mühe und kostet Geld. Wer meint, hier das Geld einsparen zu können, um das Minus im öffentlichen Kommunalhaushalt ausgleichen zu können, hat entweder kein Interesse an Kultur und ihrem Auftrag in einer demokratischen Gesellschaft, oder hat irgendetwas falsch verstanden.
Die Gesamtausgaben für Kultur in Deutschland betragen pro Jahr ca. 8 Milliarden Euro. Die Ausgaben für alle Öffentlichen Bibliotheken betragen pro Jahr ca. 1 Milliarde Euro in ganz Deutschland. Will uns da wirklich jemand erzählen, Kultur wäre zu teuer? Wie soll das denn aussehen, ein Leben ohne Kultur? Die Wahrnehmung unserer Politiker entfernt sich immer mehr von der Lebenswelt der Mehrheit der Bevölkerung. Pro Einwohner kostet uns das städtische Bibliothekssystem in Witten ca. 14 Euro. Ist das zuviel für eine zentrale Kultureinrichtung die von der Leseförderung bis hin zur Literaturversorgung alter Menschen alle Bürger im Laufe ihres Lebens mit einem breiten Angebot an Information, Kultur und Bildungsmöglichkeiten versorgt?

Was zu tun wäre

Ganz sicher bedarf auch das Wittener Bibliothekssystem eines kontinuierlichen Reformprozesses. Im Vergleich mit anderen kommunalen Bibliotheken zeigt sich,
– dass das Angebot ausbaufähig ist,
– dass es wohl Zusammenhänge zwischen der Fortbildungsintensität der Mitarbeiter und der Leistungsfähigkeit der Bibliothek gibt
– dass die Leistungsfähigkeit des Wittener Bibliotheksytems noch deutlich steigerungsfähig ist.

Wenn man die Größe des Bestandes mit der Höhe der Ausleihen in verschiedenen Bibliotheken vergleicht, so erkennt man die Höhe des ‘Umsatzes’ des Buchbestandes. Um diesen zu erhöhen, müssen mehr Menschen in die Bibliothek kommen und der Buch- und Medienbestand muß attraktiv sein. Hinzukommt, das eine moderne Bibliothek nicht nur etwas zum Lesen, zum Hören oder Anschauen anbietet, sondern auch qualifizierte Hilfe dabei bieten sollte Informationsfragen zu beantworten. Ja, Internet und alles wird gut, sagt der Laie. Eine qualifizierte Information sieht aber anders aus und bedarf eines gut vorbereiteten Personals. Insgesamt gibt es ein weites Feld an Notwendigkeiten und Serviceleistungen die städtische Bibliotheken anbieten können und sollten und die den Wert eines jeden Euros, der hier investiert wird, erhöhen.
Übrigens ist ein Ausbau der Leistungsfähigkeit einer Bibliothek nicht möglich, ohne auch mehr Geld für Bücher und Medien auszugeben. In Witten werden  derzeit deutlich weniger als 100.000 Euro für den Einkauf ausgegeben (90.000 Euro). Damit tragen die Wittener Bürger Ihre Bibliothek heute schon selber mit ihren Gebührenzahlungen in der Höhe von 94.655 Euro. Mit welchem Recht geht da die Stadt Witten hin und verhandelt über die Zukunft der Bibliothek hinter verschlossenen Türen, unter Ausschluss der Bürger, die ihre Bibliothek brauchen und wesentlich mitfinanzieren?
Die Schließung von Bibliotheksstandorten in den Wittener Stadtteilen in den letzten Jahren waren ein Fehler, weil er die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung aufgab. Es sollte nun trotz der Haushaltslage versucht werden, dies rückgängig zu machen und die negative Wirkung einzuschränken. Ein erster Schritt wäre der Aufbau und Ausbau von Schulbibliotheken unter der Leitung der Stadtbücherei Witten. Ziel muß es dabei sein, die Kinder und Jugendlichen über die Schulbibliotheken an das städtische Bibliothekssystem heranzuführen und sie bleibend als Leser zu gewinnen.
Schulbibliotheken sind aber kein Ersatz für Stadtteilbibliotheken! Oder wollen sie für den Rest ihrer Tage an Literatur mit dem Titel “Fünf Freunde” versorgt werden? Sollte die Wittener Sozialdemokratie allerdings weiterhin so gegen die Interessen der Bürger agieren, so könnte es noch dazu kommen, das sie sich diesen Titel gegenseitig zum Geschenk machen, als Dank dafür, dass sie so lange durchgehalten haben. Von der Partei die für die Emanzipation der Arbeiter eingetreten ist, hin zu einer Organisation, die sich gut damit fühlt, Almosen für Arbeitslose zu spenden und den armen, arbeitslosen ausländischen Jugendlichen in Annen eine Büchsammlung gewährt.

Warum das Konzept der Stadt Witten zum Verkauf der Stadtbücherei abzulehnen ist

Die Grundlinien des hinter verschlossenen Türen von der Stadt Witten und dem Kulturforum entworfenen Plans zur Abwicklung der Stadtbücherei Witten wurde bereits Ende April bei einer Diskussionsveranstaltung zur Landtagswahl von einem Ratsmitglied mündlich vorgestellt. So gesehen ist der Artikel der Ruhrnachrichten vom 18. August 2010
http://www.ruhrnachrichten.de/lokales/witten/Unterlagen-aus-nicht-oeffentlicher-Sitzung-zeigen-Buecherei-Konzept;art939,1002362
keine erstaunliche Offenbarung. Aber er belegt schriftlich was uns bevorsteht. Und etwas schwarz auf weiß vorliegen zu haben ist gut, weswegen öffentlich zugängliche Bibliotheken auch so wichtig sind.
Der Verkauf der Stadtbücherei, Gebäude Ruhrstraße 48, ist ein sehr kurzsichtig gedachtes Vorhaben und unsinnig. Dies mit dem Argument vertreten zu wollen, etwas Gutes zu tun und das Bibliothekssystem zu verbessern, ist schon eine Dreistigkeit.

Wieviel Quadratmeter stehen der Bibliothek in der Ruhrstraße 48 zur Verfügung? Lesesaal mit Empore und Untergeschoss, Magazin, Büro- und Sozialräume?
Wieviel Quadratmeter sollen im Märkischen Museum zur Verfügung stehen? Wo soll der Platz im Museum herkommen?
Haben wir dort im Museum bisher ungenutzte Flächen übersehen? Will die Stadt Witten tatsächlich nicht nur die Stadtbücherei abwickeln, sondern gleich dazu auch noch die einzigartige Wittener Kunstsammlung auf Eis legen oder komplett verkaufen?
Ohne ein in sich stimmiges Konzept überhaupt vorlegen zu können, soll zuerst einmal die Bücherei verkauft werden. – Beeindruckend!

Aus dem Märkischen Museum soll ein Schrumpfmuseum und eine Schrumpfbibliothek werden und weil man demnächst dort Latte macchiato trinken können soll, glauben die Verantwortlichen an eine neugewonnene Attraktivität des Ganzen. Warum nur haben die Essener ihr Folkwangmuseum soeben ausgebaut? Hätten sie es nicht auch durch die Zusammenlegung mit der Volkshochschule oder der Stadtbibliothek veredeln können? Und so ganz nebenbei gefragt, wo soll denn demnächst gearbeitet werden. Hier könnte einer der Schlüssel zum Verständnis dieses Plans des Kulturforums liegen. In Witten arbeiten heute noch sechs Bibliothekarinnen und 11 Bibliotheksassistenen. Es ist abzusehen, dass ein Teil der Mitarbeiter der Wittener Stadtbücherei in den nächsten Jahren aus dem Dienst ausscheiden wird. Wie viele Personen werden dies wohl sein? Drei, sechs, oder gar neun Mitarbeiterinnen? (Personalfragen unterliegen der Geheimhaltungspflicht. Fragen sie ihre freundliche Bibliothekarin bitte selbst.) In den letzten zehn Jahren hat die Stadtbücherei schon ein Drittel ihres Personals verloren. Was bleibt, wenn ein weiteres Drittel nicht ersetzt wird? In Zukunft soll wohl die Wittener Werkstadt Aufgaben des Museums und der Bibliothek übernehmen. Weiterhin wird eine Kooperation mit Trägern angestrebt, die selber über keine gesicherte Finanzierung verfügen, kein qualifiziertes Personal für bibliothekarische Aufgaben haben und deshalb überhaupt keine langfristige Zusammenarbeit sicherstellen können.
Zu recht scheint der Chef des Kulturforums im Artikel der WAZ vom 18.8.2010 erzürnt, wenn er sagt: “Weder planen wir das Ausschlachten der Bücherei-Hauptstelle noch die Einrichtung einer Schrumpfbibliothek im Museum.” Die richtige Antwort müßte wohl auch heißen: “Schwundbibliothek”!
http://www.derwesten.de/staedte/witten/Buecherei-Verkauf-erhitzt-Gemueter-id3578857.html

Nach allem was bisher bekannt geworden ist und was sich aus der Logik des Gegenstandes ergibt, bleibt nur der nahe liegende Schluss, dass dieser mit einer ganz heißen Nadel gestrickte Plan des Kulturforums, die endgültige Abwicklung der städtischen Bibliothek in Witten wohlwollend mit einkalkuliert. Wie soll eine bessere und qualifizierte bibliothekarische Arbeit geleistet werden, wenn dafür kein Personal mehr vorhanden ist?
Wenn dort von einer Bereinigung des Medienbestandes gesprochen wird, was soll das dann wohl heißen? Wie viel Unkenntnis über die Arbeit einer städtischen Bibliothek verbirgt sich hinter diesem Satz?  Städtische Bibliotheken müssen ständig einen Teil des Bestandes abstoßen, verkaufen oder verschenken, um Platz für die notwendigen neuen Bücher zu haben. Wer 88.000 Euro im Jahr für Bücher ausgibt, hätte sonst nämlich sehr schnell ein Platzproblem. Jeder, der schon mehr als drei Bücher gekauft hat, wird dies nachvollziehen können.
Die vorgesehenen Spezialisierungen in Annen und Heven können leider nur so verstanden werden, dass die Bandbreite der Aufgaben der Bibliothek auf diese Schwerpunkte hin reduziert werden soll. Da diese Schwerpunktideen aber leider auch keine tragfähigen Konzepte darstellen, werden sie der Einstieg zum Ausstieg sein. Eine Jugendbibliothek für ganz Witten in einem Ortsteil, das könnte vielleicht noch als Witz durchgehen, dies aber als Vorschlag für die städtische Kulturentwicklung zu fordern, ist keine verantwortungsvolle Politik. Wie bitte schön sollen sich denn die Jugendlichen nach Heven verirren?
Die städtische Bibliothek hat die Aufgabe für alle Bürger ortsnah ein umfassendes Angebot bereitzustellen. Das heißt, es müssen Stadtteilbibliotheken mit mindestens 10.000 Medien sein, die durch eine ausgebaute Zentrale getragen werden, deren Größe sich nach der Größe der Stadt richtet. Alle darunter liegenden Werte sind unzureichend. Der heutige Zustand des Wittener Bibliothekssystems ist ein solcher und eine weitere Absenkung der Standards ist indiskutabel! Das finanzpolitische Buckeln nach oben und Treten nach unten der Stadt, muß auch mal ein Ende haben. Eine Stadt ohne Kultur für alle ist keine Stadt mehr.

Stadt Witten – Was soll das?

Die Verschuldung der Städte und Gemeinden liegt nicht vorrangig an einer eventuell verfehlten Politik, sondern zum großen Teil an der Struktur der Einnahmen und Ausgaben der Kommunen, die durch Vorgaben des Bundes und des Landes bestimmt werden. Deshalb beteiligt sich auch die Stadt Witten an dem Aktionsbündnis nordrhein-westfälischer Städte “Raus aus den Schulden”.
Vor diesem Hintergrund der Einsicht in die Unmöglichkeit, die nicht selbst verschuldeten Defizite alleine zu beseitigen, ist es völlig unverständlich, warum sich die Stadt mit einem derartigen Eile darum bemüht, möglichst schnell und möglichst viel städtisches Eigentum zu verscherbeln und dies hinter dem Rücken der politisch entmündigten Bürger betreibt.
Ziel der kommunalen Politik kann es nicht sein, zu sparen um des Sparens willen. Ziel sollte es hingegen sein, die Verwaltung und Dienstleistungen der Stadt effektiver und kostengünstiger zu gestalten. Mit der Abrissbirne ist dies noch selten gelungen.
In dem WAZ-Artikel vom 18.8.2010 heißt es über das Gebäude der Stadtbibliothek sehr interessant: “Weil es in Teilen denkmalgeschützt ist, käme auch ein Abriss kaum in Frage.” Wir sollten uns diese Aussage genau merken!
Gibt es vielleicht schon geheime Pläne für einen zweistufigen Verkauf, wie dies andernorts schon zu beobachten war. Erst wird die Immobilie verscherbelt und danach versilbert. Vielleicht soll hier ja die erste LIDL Filiale hinter der Fassade eines alten Sparkassegebäudes entstehen? Oder vielleicht noch ein Ärztehaus? Solange nicht die Fakten ans Licht der Öffentlichkeit gebracht werden, solange die Stadtverwaltung sich einem Dialog mit den Bürgern verweigert und mit dem Versuch der Kriminalisierung der Kritiker auf die Offenlegung des für sie recht peinlichen geheimen Planungspapiers reagiert, bleibt viel Raum für Spekulationen.
Die letzten Kommunalwahlen in Witten hatten nur eine Wahlbeteiligung von sehr knapp über 50 Prozent, die amtierende Stadtspitze erfreut sich einer entsprechend geringen absoluten Unterstützung bei den wahlberechtigten Bürgern. Sollte diese Politik gegen die Lebens- und Kulturinteressen der Stadtbürger, die in abgeschotteten Zirkeln ausgeheckt und beschlossen wird, die weitere Marschrichtung für die Wittener Sozialdemokratie sein, dann sollen wir wohlmöglich demnächst von einer aus dem Untergrund heraus agierenden Gruppe regiert werden.
Ein Blick über den Tellerrand zeigt, dass es auch anders möglich ist. Der SPD Bürgermeister der Stadt Essen an der Ruhr ging mit seinen Vorstellungen zur Haushaltssanierung in die Offensive und organisierte ein breit angelegtes Gespräch mit den Bürgern. Zwar wäre auch hier das Mantra “Wir müssen Sparen!” zu kritisieren, es ist aber deutlich, dass hier im Sinne alter sozialdemokratischer Werte versucht wird, eine gesellschaftliche Teilhabe aller Bürger zu organisieren. Die Aktion heißt interessanter Weise: Essen kriegt die Kurve! – Und Witten?

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