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An die BesucherInnen der Wittener Tage für neue Kammermusik

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flugblatt kammermusik (PDF)

Liebe Konzertbesucherinnen und –besucher,

wir – kulturinteressierte Wittener BürgerInnen – begrüßen Sie herzlich zu den Wittener Tagen für Neue Kammermusik. Wir sind glücklich, dass dieses international bedeutende Kulturereignis seit so langer Zeit in Witten stattfinden kann. Und noch mehr freut uns, dass in den letzten Jahren neben den üblichen Konzertsälen auch der öffentliche Raum und die Landschaft vermehrt in aufsehenerregende künstlerische Inszenierungen integriert wurden.

Leider ist – wie in vielen anderen Städten auch – der öffentliche Raum in Witten gefährdet. Als BesucherInnen unserer Stadt haben Sie ebenso wie die EinwohnerInnen Wittens ein Recht zu erfahren, was dem kulturellen Erbe in dieser Stadt droht.

Wie die anderen Ruhrgebietsstädte auch, steht die Stadt Witten vor dem Bankrott. Seit sehr vielen Jahren und trotz aller Sparbemühungen decken die Einnahmen nicht einmal die Pflichtausgaben der Stadt. Das Defizit beträgt in diesem Haushaltsjahr 54 Millionen Euro und es steigt allein wegen der Zinszahlungen für kurzfristige Kredite immer weiter an. Mit diesem Jahr wird die Stadt endgültig überschuldet sein. Schließungen zahlreicher öffentlicher Einrichtungen (Stadtbad, Jugendzentren), der weitgehende Verzicht auf die Förderung der freien Kultur (Filmclub), Personalkürzungen (kein einziger Ausbildungsplatz in der Stadtverwaltung in diesem Jahr!) und der Verkauf öffentlicher Grundstücke konnten den katastrophalen Abwärtstrend in keiner Weise aufhalten. Öffentliche Güter, Dienstleistungen und Räume verschwinden sinnlos im Haushaltsloch.

In Generationen geschaffene öffentliche Plätze, Parkanlagen und Gebäude, die das Gesicht, das Gedächtnis und das Leben unserer Stadt bilden, gehen unwiederbringlich verloren. Die Stadt verkauft ihre Seele, und das weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Basta! Es reicht!

Die Stadt kann sich ohne umfassende Gemeindefinanzreform nicht aus dieser Situation befreien. Jeder weitere Verkauf macht uns auf Dauer nur ärmer. Was unsere Städte (egal ob Wuppertal, Witten oder Athen) jetzt brauchen, ist Widerstand.

Wir fordern:

  • Stopp des Verkaufs öffentlicher Güter und Räume!
  • Alle EinwohnerInnen und NutzerInnen müssen an der Entwicklung kreativer Lösungen für die Gestaltung des öffentlichen Raums beteiligt werden!

Für das Gründungs-Komitee der Initiative basta! witten:

Albrecht, Albrecht, Brauckhoff, Halberstadt, Heinevetter, Jakomeit, Junge, Sommer-Wallmeier, Unger

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Kulturhauptstadt im Ausverkauf

Nahe an den Veranstaltungsorten der Wittener Tage für neue Kammermusik liegen verschwundene oder bedrohte Orte der Wittener Stadtkultur

Abriss des Wittener Stadtbades 2005Abgerissen: Schwimmbadkultur

2005: Trotz 10.000 Unterschriften für ein Bürgerbegehren für den Erhalt des Wittener Stadtbades wurde das 1958 errichtete Gebäude am Voßschen Garten – ganz nah am Saalbau – abgerissen. Das Stadtbad war ein Symbol des Wiederaufbaus. In den 50er Jahren hatten sich BürgerInnen mit einer Lotterie an den Baukosten beteiligt. Viele WittnerInne nlernten hier Schwimmen. Aber dann wurde über viele Jahre viel zu wenig investiert, – auch nachdem das Bad auf die Stadtwerke übertragen worden war. Planungen für einen umfassenden Ausbau des Bades waren nicht finanzierbar. Die BürgerInnen forderten eine Instandsetzung unter kreativer Wiedernutzung der leerstehenden Gebäudeteile. Aber dafür interessierte sich fast niemand unter den KommunalpolitikerInnen. Das Grundstück wurde im Zuge eines Investorenwettbewerbs neu beplant und verkauft. Heute steht an dieser Stelle ein größeres Gebäude mit Altenwohnungen.

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Kaputtverkauft: Arbeitersiedlungskultur

2004 – 2007: In diesen Jahren wurden weit über 2000 ehemalige Werks- und Sozialwohnungen in Witten an Finanzinvestoren und Weiterverwerter verkauft. Besonders stark betroffen waren und sind die Arbeitersiedlungen in Heven-Ost, in unmittelbarer Nähe zur der Rudolf-Steiner-Schule. Obwohl die Mieter durch breite Mobilisierung manche rechtliche Garantie erstreiten konnten, wurden viele ältere Menschen aus ihren Wohnungen verdrängt oder verloren ihre Gärten. Heute sind viele Wohnungen, die von „Heuschrecken“ kontrolliert werden, stark vernachlässig. Die Mieter haben keine Ansprechpartner. Unter den Finanzinvestoren gibt es für die sanierungsbedürftigen Wohnungen keine Zukunft. Ein riesiges Problem für die Stadt Witten. Trotzdem hat auch die kommunale Siedlungsgesellschaft noch 2007 viele Wohnungen an einen stadtbekannten „Häuserausschlachter“ verkauft. Denn das Unternehmen steht unter starkem Verwertungsdruck durch die Stadt als Anteilseigner. Bis heute gibt es keine Sozialcharta, die die Siedlungsgesellschaft wenigstens verpflichten würde, die Mieter rechtzeitig zu informieren.

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Parkweg 30Verhökert: Bürgermeisterkultur

2009/2010: Seit geraumer Zeit versucht die Stadt neben Baugrundstücken auch eine Reihe von Gebäuden mit historischer Bedeutung zu verkaufen. Zu den bereits verkauften Landmarken Wittens gehören zum Beispiel das alte Rathaus in Herbede, ein Häuschen am Helenenturm und die  Villa am Parkweg 30. Dieses verwinkelte Gebäude in einer in einer lauschigen Ecke des Stadtparkes war 1884 von Dr. Haarmann errichtet worden, dem ersten Wittener Oberbürgermeister. Haarmann hatte sich um den Erwerb des Hohensteins durch die Stadt verdient gemacht. In den letzten Jahrzehnten beherbergte das Denkmal eine Galerie, dann eine soziale Einrichtung. Am Schluss lebte nur noch eine alte Bedienstete in einem Trakt des Gebäudes. Sie wurde von der Stadt aus dem Haus geekelt. Dann wurde das Anwesen meistbietend zum Kauf angeboten. Für die Entwicklung einer gemeinschaftlichen Nutzung mit Kunst im Park durch eine kleine Gruppe Wittener war viel zu wenig Zeit. Das Haus ging an einen privaten Großvermieter.

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Weg damit: Parkkultur

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wird in der Stadtverwaltung zur Zeit der Verkauf der Villa Lohmann vorbereitet. Das jetzige Standesamt soll samt Teilen des öffentlichen Stadtparks, der einst der Industriellen-Familie Lohmann gehörte, meistbietend verramscht werden. Die klassizistische Villa bildet mit dem für viel Geld wiederaufgebauten Haus Witten ein stadtbildprägendes Ensemble. Wie man hört, geht es der Stadt hier nicht mal um die Verkaufserlöse. Sie will die Villa wegen angeblich hoher Unterhaltungs- und Erneuerungskosten los werden. Was ist das für ein Umgang mit dem Erbe in der angeblichen „Kulturhauptstadt Ruhr“? Wir meinen: Ohne Bürgerbeteiligung zur Zukunft des Stadtparks sollte hier gar nichts beschlossen werden!

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Profitabel verbauen: Platzkultur

Der jetzt noch als Busbahnhof genutzte Kornmarkt an der Johanniskirche gehört zur historischen Keimzelle Wittens. Er ist seit eh und je ein öffentlicher Platz. Durch die Verlagerung des zentralen Busbahnhofes an den Hauptbahnhof wird der Kornmarkt für eine neue Nutzung frei. In einer „Planungszelle“ wurden mit BürgerInnen Vorstellungen entwickelt, die leider längst zu den Akten gelegt wurden. Zuletzt hatten sich unterschiedliche Ratsparteien die Errichtung einer „Markthalle“ auf einem neu gestalteten Platz gewünscht. Nach einem nichtöffentlichen Investorenwettbewerb gibt es aber nur einen möglichen Bauherrn. Und dieser will auf dem zentralen Platz ein privates Bürogebäude errichten. Kein Wunder. Eine Markthalle in Witten, ein Platz, auf dem man sich kostenlos aufhalten kann, lohnen nicht für einen Privatinvestor. Einen öffentlichen Platz kann es nur auf kommunalem Grund geben. Solange kein Geld da ist, kann man den Kornmarkt provisorisch als Bürgerplatz gestalten. Wenn der Platz verkauft und bebaut wird, ist es für alle zukünftigen Entwicklungen zu spät.

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